Leseprobe 3 | Kapitel 30 | Zerrissene Pfade

„Draußen gibt es nichts mehr.“ Cardenas trat neben den Bildschirm. „Hier kann für euch etwas Neues beginnen.“ Miriam wandte sich nicht vom Bildschirm ab. „Zu welchem Preis?“

„Fortschritt verlangt Opfer.“ – „Oder er verlangt Grenzen.“ Miriam sprach gefasst, jedes Wort gezielt. „Er verlangt, dass man aufhört, Menschen zu benutzen.“

Cardenas ließ einen Moment verstreichen. „Grenzen sind verhandelbar, wenn die Welt zerfällt.“ Sie lächelte, als würde sie ein altes Argument wiederholen. „Respekt ist ein Luxus aus Zeiten, in denen man sich das leisten konnte.“

Luke trat einen halben Meter an den Bildschirm heran, ohne ihn anzusehen. „Sie zeigen uns das, damit wir aufhören, Fragen zu stellen.“ Cardenas antwortete nicht. Das Lächeln blieb unbewegt, als hätte sie es angenagelt. Und in diesem Schweigen lag mehr als jede Bestätigung: Sie hatte diese Reaktion schon zu oft gesehen, um sie noch zu erklären.

Der junge Mann, der sie hinunterführte, sagte nichts. Treppen, immer tiefer, bis die Luft synthetisch wurde und das Licht in den Decken ins Grünliche kippte – dieses Licht, das Miriam sofort hasste.

Eine Tür glitt auf. Hinter Glaszellen lagen Gestalten. Die Haut zu glatt, die Augen offen, aber ohne Fokus, als hätte jemand das Licht angelassen und den Inhalt geleert. Lippen bewegten sich bei einigen, als würde etwas in ihnen noch laufen, das längst jeden Sinn verloren hatte.

„Fehler?“ Luke stellte sich in die Tür. Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Zwischenstufen. Wir lernen.“

Miriam trat zu einer Zelle. Eine Frau, vielleicht vierzig. Die Augen zur Decke gerichtet, die Hände geöffnet. Auf ihrer Stirn verlief eine Naht, als hätte jemand sehr viel Sorgfalt darauf verwendet, dass es ordentlich aussah.

„Sie haben Namen?“ Der Mann wandte sich nicht zu ihr. „Brauchen sie welche? Sie sind Übergänge.“

Luke sah in den Gang, nicht in die Zellen. „Wer hat entschieden, dass ein Mensch ein Übergang ist?“ – „Die Lage.“ Der Mann ging weiter. „Und die Zahlen.“

Miriams Lachen klang wie ein Riss im Glas. „Zahlen. Wie beruhigend.“

Als sie wieder oben waren, pochte der Schmerz unter Miriams Rippe mit jedem Schritt. Der Bluterguss war groß genug, dass sie ihn nicht ignorieren konnte. Luke registrierte es an ihrer Haltung, ohne zu fragen, und verkürzte seine Schritte um einen halben Takt.

„Wir bleiben nicht hier.“ Er sprach leise genug, dass nur sie es hörte. Miriam antwortete erst nach zwei Atemzügen. „Und wenn es nirgendwo anders gibt? Wenn es nur noch Orte mit anderen Regeln gibt?“